22 Jänner 2006

Zur aktuellen Situation psychischer Erkrankungen in Europa

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Zitat:
Hans-Ulrich Wittchen, Professor der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden, hat Anfang Dezember 2005 die bislang größte Bestandsaufnahme zur psychischen Gesundheit in Europa anlässlich des 1. Nationalen Präventionskongresses in Dresden vorgestellt.
Im Auftrag des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) wurde unter seiner Leitung sowie unter Mitwirkung des European Brain Council (EBC) und von über 100 Experten aus 26 EU-Ländern dieses Forschungsprojekt erarbeitet. Berücksichtigt wurden die Daten von insgesamt 150.000 Betroffenen aus 27 Studien.

Der Bericht zeigt, dass psychische Störungen keine Seltenheit sind. Im Laufe eines jeden Jahres erleiden 27 Prozent der EU-Bevölkerung oder 83 Millionen Menschen mindestens eine psychische Störung wie z.B. eine Depression, bipolare Störung, Schizophrenie, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, Sozialphobie, Panikstörung, Generalisierte Angst, Zwangsstörungen, somatoforme Störungen oder Demenz. Das Lebenszeitrisiko, an einer psychischen Störung zu erkranken, liegt allerdings mit über 50 Prozent der Bevölkerung wesentlich höher, so Studienleiter Wittchen. Ausmaß und Folgen sind dabei höchst variable: Einige erkranken nur episodisch kurzzeitig über Wochen und Monate, andere längerfristiger. Etwa 40 Prozent sind chronisch, dass heißt über Jahre oder gar von der Adoleszenz bis an ihr Lebensende, betroffen.

Der Studie zufolge tritt eine "reine Depression" oder eine "reine Panikstörung" verhältnismäßig selten auf. "So wie Bluthochdruck und Diabetes häufig in eine Herzerkrankung einmünden, so finden wir auch bei jedem zweiten Fall einer psychischen Störung weitere psychische Erkrankungen", sagte Hans-Ulrich Wittchen. Demnach sind die häufigsten Muster früh auftretende Angststörungen, die dann im weiteren Verlauf von somatoformen-,Sucht- und depressiven Erkrankungen gefolgt werden. Die Mehrheit der psychischen Störungen manifestiere sich in der Kindheit und Adoleszenz. Die Befunde zeigten deutlich, dass frühe psychische Störungen vielfältige negative Effekte auf viele Bereiche des Lebens haben (z.B. akademische Erfolge, berufliche Karriere, Partnerschaft und Familienleben). "Bleibt eine adäquate Behandlung einer psychischen Störung im frühen Verlaufsprozess aus, ist das Risiko für eine lebenslange Leidensgeschichte und Beeinträchtigung stark erhöht", so Wittchen.

Frauen haben laut Studie ein höheres Risiko, an psychischen Störungen wie Angst, Depression und somatoforme Störungen zu erkranken als Männer. Ausnahmen sind Substanzabhängigkeit, Psychosen und Bipolare (manisch-depressive) Störungen. Frauen haben zudem ein erhöhtes Risiko, komplexe komorbide Störungsmuster zu entwickeln. Da die meisten psychischen Störungen bei Frauen überwiegend in den gebärfähigen Jahren ihres Lebens auftreten, haben diese wiederum negative Auswirkungen auf ihre Neugeborenen und deren weitere Kindesentwicklung.

Die Studie verweist - mit geringen regionalen Unterschieden - darauf, dass nur 26 Prozent aller Betroffenen in der EU irgendeine Behandlung erhalten. Noch weniger bekommen eine adäquate Therapie. "Solch eine niedrige Behandlungsrate konnte bislang in keinem Bereich der Medizin beobachtet werden", erklärte Co-Autor Frank Jacobi gegenüber Lichtblick.
Stigmatisierung psychischer Störungen könne nicht allein als Erklärung dienen. Studienleiter Professor Wittchen machte unmissverständlich klar: "Psychische Störungen sind Erkrankungen unseres Gehirns und Nervensystems - dem komplexesten Organ des Menschen! Warum sollte ausgerechnet dieser komplexe Teil unseres Körpers weniger häufig erkranken, als andere Organe unseres Körpers?" Es ist ein Schlüsselkriterium der Diagnostik aller psychischen Störungen, dass sie mit Leiden des Betroffenen und gravierenden Belastungen und negativen Folgen im beruflichen, familiären und sozialen Rahmen einhergehen. Angesichts der Häufigkeit und Schwere psychischer Störungen ist es nicht überraschend, dass die Studie aufzeigt, dass von allen Arbeitsunfähigkeitstagen pro Jahr die Mehrzahl auf psychische Störungen, und nicht etwa auf somatische Erkrankungen zurückgeführt werden kann. Mit Ausnahme von Depressionen und Suchterkrankungen ist die Rate psychischer Krankheiten in der EU im untersuchten Jahrzehnt konstant geblieben.

Die Hauptmasse der gesamten gesundheitsökonomischen Kosten von psychischen Störungen sind keine direkten, sondern indirekte Kosten des Gesundheitssystems. So haben die Analysen ergeben, dass psychische Störungen jedes Jahr fast 300 Milliarden Euro Gesamtkosten in den EU-Ländern ausmachen, von denen allein 132 Milliarden Euro mit indirekten Kosten (krankheitsbedingte Ausfalltage, früherer Eintritt in den Ruhestand, vorzeitige Sterblichkeit und verringerte Arbeitsproduktivität wegen
psychischen Problemen) zusammenhängen. Nur 110 Milliarden Euro werden demgegenüber für direkte Kosten (Hospitalisierung und Hausbesuche von Patienten) ausgegeben. Die Kosten für die medikamentöse Therapie - als die am häufigsten eingesetzte Behandlungsart - beansprucht dagegen nur vier Prozent der Gesamtkosten von psychischen Störungen. Für psychotherapeutische Leistungen liegen diese weit unter einem Prozent.
Der vorgestellte Bericht kommt in Übereinstimmung mit entsprechenden Stellungnahmen der EU-Minister und der Weltgesundheitsorganisation zu der Schlussfolgerung: Es sind umfassende und koordinierte Anstrengungen erforderlich, um die defizitäre Versorgungslage zu verbessern. Angesichts der Verfügbarkeit effektiver und kostengünstiger Therapieverfahren für nahezu alle psychischen Störungen geht es insbesondere darum, früher und rechtzeitiger Betroffene zu erkennen und zu behandeln.

Der Bericht wird aufgrund seiner kritischen und fundierten Daten weit reichende Konsequenzen für zukünftige Forschung, Gesundheitswesen und politische Fragen haben. Dazu stellt der Hauptverantwortliche der Arbeitsgruppe des ECNP-Sonderberichts, Hans-Ulrich Wittchen, fest: "Wir glauben, dass das neu aufgebaute interdisziplinäre Netzwerk, das durch den Bericht 'Umfang und Schwere' entstand, ein wichtiger Ausgangspunkt für zukünftige hochwertige Forschung im psychischen Bereich ist, und den Weg für
die zukünftige Finanzierung von Forschung, Training und Ausbildungsprogrammen ebnen wird." Der Bericht und seine Daten dienen auch als Grundlage für eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der EU-Gesundheitsministerien. Deren Leitsatz ist: "Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit!"
Weiterführende Informationen:
http://psylux.psych.tu-dresden.de/i2/klinische/unterseiten/ebc-ecnp/ebc-publications.html

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