03 Februar 2006

Depression: Unterschiede im Belohnungssystem

http://www.abendblatt.de/daten/2006/02/02/529487.html?s=2
Zitat:
Moderne Verfahren zur Abbildung feinster Körperstrukturen liefern Wissenschaftlern immer neue Informationen - selbst über unser Seelenleben. "In einer Studie mit zwölf depressiven und 13 gesunden Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren konnten wir nachweisen, daß die Verbindung zwischen zwei bestimmten Hirnregionen bei den depressiven Mädchen nicht so ausgeprägt war wie bei ihren gesunden Altersgenossinnen", berichtet Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Eppendorf. Möglich wurde diese Erkenntnis mit Hilfe eines speziellen Verfahrens der Magnetresonanztomographie, dem sogenannten Diffusion Tensor Imaging, kurz DTI. "Damit läßt sich der Faserverlauf der weißen Hirnsubstanz darstellen und so auch die Verbindung zwischen einzelnen Hirnregionen zeigen", so der Kinderpsychiater weiter.

Aus der Studie zieht er folgenden Schluß: "Bei depressiven Mädchen haben wir Hinweise auf ein schwächer ausgeprägtes Belohnungssystem in Kombination mit einem Mißverhältnis im Bereich des Limbischen Systems, dem Sitz der Gefühlssteuerung, gefunden. Das ist vermutlich der anatomische Befund dafür, daß das Gefühlsleben dieser Mädchen beeinträchtigt ist. Und damit ließe sich auch erklären, warum typische depressive Gefühle wie ,alles hat keinen Sinn, ich bin nichts wert' nicht durch Vernunftargumente beeinflußt werden können. Es hat überhaupt keinen Sinn, einem solchen Mädchen zu erzählen, ,aber schau doch mal nach draußen, wie schön die Sonne scheint'." Das bedeute auch, daß dieses Erleben durch andere positive Erfahrungen nicht ohne weiteres zu korrigieren sei.

Warum allerdings diese Verbindungen im Gehirn nicht so stark sind und ob erst die Depression vorhanden ist und dann sich das Gehirn verändert oder umgekehrt, das wissen die Wissenschaftler um Schulte-Markwort, Thomas Stegemann und ihre Kollegen vom Neuroimage Nord (NIN) noch nicht. Um das Phänomen weiter zu ergründen, wollen die Wissenschaftler jetzt in einer weiteren Studie überprüfen, ob bei erwachsenen depressiven Frauen die gleichen Veränderungen zu beobachten sind.

Alle bisherigen Erkenntnisse bewegen sich zwar noch im Bereich der Grundlagenforschung, könnten aber in Zukunft einen wichtigen Stellenwert in der Erforschung der Depression einnehmen. "Wir gehen davon aus, daß diese Auffälligkeiten bei schweren Formen der Depression, die man früher als endogen bezeichnete, ausgeprägter sind als bei den leichteren sogenannten reaktiven Depressionen, die in Folge eines belastenden Erlebnisses auftreten wie z. B. schwere Verlusterlebnisse. Unsere Hoffnung ist, daß wir irgendwann in der Lage sein werden, anhand solcher Untersuchungen schwere Formen der Depression schon frühzeitig zu erkennen und behandeln zu können."

Denn Depressionen sind zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von sechs bis acht Prozent die häufigste psychische Krankheit bei Jugendlichen, bleiben aber oft lange unerkannt. "Depressive Mädchen sind oft zurückhaltend, ein wenig ängstlich und fallen nicht weiter auf. Bei den Jungen wird eine Depression schnell mit der allgemeinen ,Bocklosigkeit' in der Pubertät verwechselt." Weitere Symptome bei Jungen und Mädchen sind schlechtes Selbstwertgefühl, traurige Stimmung, Lustlosigkeit, Antriebs- und Schlafstörungen. "Jungen neigen allerdings eher als Mädchen dazu, diese Symptome mit Cannabis zu bekämpfen. Der Konsum von Cannabis führt aber auf Dauer selbst zu allgemeiner Lustlosigkeit und verstärkt auf diese Weise die Depression noch", so Schulte-Markwort.

Behandelt wird die Krankheit mit einer Psychotherapie, in schwereren Fällen auch mit Medikamenten, die nach zwei bis drei Wochen ihre Wirkung zeigen. "Das ist nötig, damit die Jugendlichen überhaupt dazu in der Lage sind, Konflikte in einer Psychotherapie zu bearbeiten." Eine rechtzeitige und ausreichende Behandlung ist wichtig, auch damit es nicht zu weiteren depressiven Phasen kommt. "Denn unbehandelt liegt das Risiko einer erneuten depressiven Phase bei 50 Prozent", erklärt der Kinderpsychiater.

Als Risikofaktoren für eine schwerere Form der Depression nennt Schulte-Markwort eine erbliche Veranlagung, zum Beispiel eine Depression bei Vater, Mutter oder Großmutter sowie traumatische Erlebnisse wie Verlust eines Elternteils und sexuelle und körperliche Mißhandlungen.

Ihre gerade abgeschlossene Studie bereiten Schulte-Markwort und Stegemann jetzt zur Veröffentlichung vor. Außerdem wollen sie ihre Ergebnisse in diesem Jahr auf dem internationalen Kongreß "Human Brain Mapping" in Florenz präsentieren.