11 Februar 2006

Depressionen: Riskikofaktor Kind

http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/newsausgabe.htm?id=24672
Zitat: US-Forscher demontieren den Mythos vom Nachwuchs als Schlüssel zum Glück. Im Gegenteil: Eltern sind offenbar häufiger depressiv als Kinderlose.

Kinder können ihren Eltern großes Mutterglück und höchste Vaterfreuden bescheren – soviel ist unbestritten. Doch das ist, wie so oft, nur die eine Seite der Medaille. Die andere, dunklere Seite der Elternschaft enthüllt nun überraschend eine US-amerikanische Studie. Sie zeigt, dass Eltern häufiger unter Depressionen leiden als Menschen ohne Nachwuchs.

„Eltern haben mehr Sorgen als andere Menschen – das ist das Grunddilemma“, sagt Robin Simon von der Florida State University. Sie wertete noch einmal ganz neu Daten von mehr als 13 000 US-Amerikanern aus, die im Rahmen der „National Survey of Families and Households“ zwischen 1988 und 1989 erhoben wurden.

Kinderkriegen als Schüssel zum Glück? Die Ergebnisse der aktuellen Analysen demontieren diesen Mythos gründlich. Befragte Eltern gaben öfter klassische Depressionssymptome zu Protokoll als Kinderlose: Sie waren häufiger unglücklich, fühlten sich öfter einsam und ängstlich und hatten größere Probleme, ihren Alltag zu bewältigen.

Doch die Wissenschaftlerin schaute noch genauer hin: Sie verglich nicht nur die psychische Gesundheit von Eltern mit der von Kinderlosen, sondern nahm auch die verschiedenen Elterngruppen separat unter die Lupe – beispielsweise Alleinerziehende, Eltern mit kleinen Kindern, solche, deren erwachsenen Kinde noch daheim leben und solche, deren Sprösslinge schon ausgezogen waren. Dabei zeigten sich erhebliche Unterschiede.

Besonders vom Seelendunkel bedroht sind offenbar Eltern, deren Kinder noch zu Hause leben. Außerdem sind – wenig überraschend – Alleinerziehende stärker gefährdet als Verheiratete, außerdem auch Eltern mit geringer Bildung und niedrigerem Einkommen sowie Farbige. Die Doppelbelastung von Job und Familie scheint sich hingegen weniger negativ auszuwirken als bisher angenommen. Im Gegenteil: Eltern, die keinen oder nur einen Teilzeitjob hatten, litten häufiger unter depressiven Symptomen als Vollzeitbeschäftigte.
Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass die verschiedenen Elterngruppen statistisch betrachtet stärker oder genauso oft unter depressiven Symptomen leiden als die Gruppe der Kinderlosen. Das gilt sogar für Eltern, deren Kinder bereits flügge sind. Offenbar stabilisieret der Nachwuchs nicht einmal dann die Seele, wenn die größten Belastungen durchgestanden sind. Ebenso erstaunlich: Väter sind offenbar ebenso belastet wie Mütter – hatte man doch bisher angenommen, dass der größte Stress die Mütter trifft.

Die Ergebnisse bedeuteten nicht, dass Eltern keine Freude an ihrer Rolle finden, betont die Wissenschaftlerin. Sie zeigten aber, dass die Belastung größer sein kann, als die psychische Bereicherung. Robin Simon führt das vor allem auf die moderne Lebensform zurück, die Eltern zur Erziehung ihrer Kinder wenig Unterstützung bietet. Die Forscherin empfiehlt Frauen und Männern mit Kinderwunsch daher, sich einen realistischen Blick für die Herausforderungen zu bewahren, die ihnen bevorstehen – und sich größtmögliche Hilfe von außen zu suchen. „Wir romantisieren die Elternschaft zu sehr“, gibt die Forscherin zu bedenken. „Kinderkriegen ist nicht das, was uns die Fernsehwerbung vorgaukelt.“ Die Ergebnisse veröffentlichte die Forscherin im Journal of Health and Social Behavior der American Sociological Association.