10 Februar 2006

Schädigen SSRI-Antidepressiva in der Spätschwangerschaft die Lungen des Neugeborenen?

http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=23071
Zitat: Die Exposition mit Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI in der Spätschwangerschaft kann möglicherweise eine schwere pulmonale Hypertonie des Neugeborenen auslösen. Die Erkrankung ist selten, kann aber tödlich verlaufen, weshalb die Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie im New England Journal of Medicine (2006; 354: 579-587) die US-amerikanische Aufsichtsbehörde FDA auf den Plan gerufen hat.

Die Pädiaterin Christina Chambers von der Universität von Kalifornien in San Diego hatte 377 Frauen befragt, deren Kinder nach der Geburt eine primäre pulmonale Hypertonie des Neugeborenen (PPHN) entwickelt hatten. Diese Erkrankung ist relativ selten, aber gravierend. Die Inzidenz wird auf 1 bis 2 pro 1.000 Geburten geschätzt, von denen 10 bis 20 Prozent an den Folgen einer respiratorischen Insuffizienz sterben. Ursache ist eine fehlende Dilatation der Lungengefäße nach der Geburt. Auf der Suche nach möglichen Ursachen war Chamberes bereits in einer früheren Untersuchung auf selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI) gestoßen (NEJM 1996; 335: 1010-5). Dies war Anlass für die aktuelle Fall-Kontroll-Studie, die den Verdacht bestätigen sollte.

Von den 377 Kindern mit PPHN waren 14 nach der 20. Gestationswoche mit SSRI exponiert gewesen. Die Rate war mehr als fünffach höher als in einer Kontrollgruppe von 836 Kindern ohne PPHN. Nach der Berücksichtigung von anderen Faktoren wie ethnische Herkunft und Schwangerschaftsdiabetes wurde sogar ein mehr als sechsfach erhöhtes Risiko gefunden (adjustierte Odds Ratio 6,1; 95-Prozent-Konfidenzintervall 2,2-16,8 ). Chambers vermutet, dass SSRI, die sich in der Lunge anreichern, dort die Konzentration von Serotonin erhöhen. Dieser Neurotransmitter hat nicht nur vasokonstriktorische Eigenschaften, er fördert auch die Proliferation von glatten Muskelzellen, was einen typischen Befund bei der PPHN erklären würde, nämlich die Verdickung der Gefäßwände.

James Mills vom US-National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda/Maryland hält im Editorial (NEJM 2006; 354: 636-638 ) ein erhöhtes PPHN-Risiko durch SSRI durchaus für plausibel. Dass ein Zusammenhang bisher nicht erkannt wurde, könnte zum einen an der Seltenheit der Erkrankung und zum anderen daran liegen, dass SSRI in der Schwangerschaft selten eingesetzt werden. Werden die Feten aber exponiert, dann könnte nach den jetzigen Ergebnissen eines von hundert Kindern eine PPHN entwickeln.